Afrika

Seit meiner Jugend träume ich von Afrika. Ich habe mich in der Krankenpflege ausbilden lassen, um damit auf dem schwarzen Kontinent arbeiten zu können.

Mit zwanzig bekam ich mein erstes Kind und wollte mit fünfundzwanzig allein mit ihr nach Afrika. Doch ich hatte schlechte Träume darüber und bin dann letztendlich mit ihr durch europäische Länder gewandert. 

Mittlerweile ist meine jüngste Tochter in dem Alter, als mein Traum von Afrika begann und sie nimmt den Sehnsuchtsfaden wieder auf....

 

 

 Jedoch ist Afrika nicht mehr so weit weg. Die Flüchtlingsströme bringen auch viele Menschen aus Afrika zu uns.

In diesem Artikel möchte ich über die Freundschaft  zu ein paar Jungs aus Afrika schreiben.Mich auf sie Einzulassen hat mich auch Überwindung von Angst gekostet.......und dabei erfahre ich sehr viel Liebe.

 

 

 

Vor ein paar Monaten haben wir also mit ein paar Leuten in einem Flüchtlingswohnheim gemeinsam mit ein paar Geflüchteten im Treppenhaus gesungen,  um in Kontakt und Freude miteinander zu kommen. 

Den Kontakt hatte ich dort dann mit Sayan.

Er hat mich beim Singen schon angestrahlt und winkte noch aus einem oberen Fenster, als ich auf der gegenüberliegenden Strasse mein Fahrrad aufschloss. Aus verschiedenen Ecken des Hauses klangen noch die Lieder nach.  

Als er nochmal runterkam, hab ich ihn zu der Radtour zum Dümmer eingeladen.

Doch dass Ausflüge in die Natur nicht so sein Ding sind, sollte sich bald herausstellen.

 

Auf der Einladung stand meine Handynummer und er schrieb mich kurze Zeit später an.  

Er ist mit seinem Freund Ali vor ein paar Monaten von Libyen nach Deutschland gekommen.Beide sind 19 Jahre alt.

 

 

Ich liege in dem Bett, neben Ali's Bett und schlafe nicht. Ich spüre die Spannung in seinem Körper und wie sie sich beim Übergang in den Schlaf löst. In der Nacht stöhnt er leise. Das macht er sonst nie.
Im Zimmer nebenan läuft laut der Fernseher, Olympia in Brasilien. Mark, ein Schwarzafrikaner, schaut noch fern.
Die Luft im Zimmer ist schlecht, an den Wänden ist Schimmel, draußen fahren laut die Autos vorbei.
Wir sind mitten auf dem Land zwischen Leer und Oldenburg in einer Flüchtlingsunterkunft....



Morgen früh fahren wir mit seinem Freund Sayan zum Sozialamt ins nächste Dorf. Die Jungs sind hier gemeldet.

Sie haben noch kein Asyl.
Doch sie haben es hier auf dem Land nicht ausgehalten.

Als ich Sayan kennenlernte, war er noch oft hier und er war kurz vorm verrückt werden. 

Als ich ihn fragte, was er denn bräuchte, schrieb er: 'sich selbst'.

Sayan, wie auch Ali, wollen Fussballer werden. Es ist ihr Traum, ihre Vision von ihrem Leben, professionell Fußball zu spielen.

Sie konnten bei Freunden in einem Flüchtlingsheim in Osnabrück untergekommen.

Und sie können hier Fussball spielen. Sie sorgen so für sich. 

Ich habe sie schon durch einige Fussballvereine begleitet. Selbst beim VfL waren wir. Doch das ist eine andere Geschichte.......

Wenn ich sie Fußballspielen sehe, kann ich ihre Vision nachvollziehen. 

Sie spielen mit einer Wahnsinns Power und Leichtigkeit. Sind eins mit dem Ball und im Kontakt mit den anderen Spielern.


Ich hatte für sie einen Antrag auf Umverteilung in der Ausländerbehörde in Braunschweig gestellt, also das sie offiziell aus dem Landkreis nach Osnabrück kommen können. Der ist noch nicht durch und es sieht auch schlecht aus. Eine Umverteilung wird in der Regel nur bei Familienzusammenführungen gestattet.


Die beiden stecken nun in der Klemme. Der Landkreis zahlt ihnen kein Essensgeld mehr, Arbeiten dürfen sie nicht.
Sie sollen sich dort auf dem Land aufhalten, wo sie gemeldet sind und dort gemeinnützige Arbeit verrichten.
Das Dorf kümmert sich um 200 Flüchtlinge. Und diese Menschen für das Geld gemeinnützige Arbeit machen zu lassen, scheint ja auch sinnvoll. 
Doch könnten sie diese nicht auch in Osnabrück machen? Ich konnte das beim Sozialamt für die Beiden nicht aushandeln. Und auch der Sachbearbeiter, den ich später anrufe, beruft sich auf die Gesetzeslage.

 

Die Beiden fahren mit mir wieder nach Osnabrück.

Wir haben Räder mit und radeln durchs flache Land zurück zum nächsten Bahnhof. 

Die Sonne scheint heute und der Wind treibt Wolken vor sich her.Irgendwie eine bizarre Szene. Da die Lage eigentlich bedrückend ist.
Wir reden nicht viel. Ali hat Musik auf dem Handy an und singt laut mit. 
Sayan sagt öfter, er kann da nicht leben. Und wenn er nun kein Geld für Essen hat und nicht arbeiten darf,

nur in dem Dorf arbeiten dürfte, er bleibt in Osnabrück.

Sayan, stolz und aufrecht, ein Wildpferd, und ein Buntes noch dazu. 
Seine krausen Haare stecken unter einer rot glänzenden Kappe. Die dunklen Augen funkeln.
Ich bin besorgt, ob sie ihrem Traum auf dem Wege näher kommen. Die Möglichkeit der Ausweisung ist so sehr groß.

Und dann bewundere ich ihren Mut, ihre Klarheit und Entschlossenheit auf das zu hören, was für sie wahr ist. 
Sie haben keine Angst, sie haben nichts und suchen keine Sicherheit. 

Am Bahnsteig warten wir länger auf den Zug aus Leer. 
Im Wartehäuschen setzt sich ein älterer beleibter Herr zu uns. Er sieht ungepflegt aus.
Aus seiner Tüte holt er Hochprozentiges und zittert als als er die Flasche ansetzt. Nach dem ersten Schluck geht es ihm besser.

Wir kommen auf Deutsch und Englisch ins Gespräch. Er will Sayan eine Dose Bier-Cola schenken, doch er lehnt dankend ab,

als er merkt, das da Alkohol drin ist. Er trinkt keinen Alkohol.
Es stellt sich heraus dass dieser Herr Heavy Metall Konzerte organisiert. 
Den Alkohol trinkt er seit 40 Jahren. Als er dann seine Geschichte dazu erzählt, bricht er in Tränen aus.

 

Ali, der steht, weicht zurück. Sayan schnalzt immer wieder mit der Zunge, schüttelt den Kopf und verzieht sein Gesicht.
Wie in Dauerschleife erzählt der Mann von Daniela, seiner ersten Freundin, die er im Alter von 18 durch einen Autounfall verloren hat und was sie für ihn bedeutet hat. Immer wieder bricht er in Tränen aus.

Jeder hat Probleme, sagt Ali später zu mir. Jeder.
Er würde nicht so darüber sprechen. Das sei nicht gut, mache noch mehr Probleme. Was er tun würde?
Er würde Fussball spielen, dann würde er Freude fühlen und alles vergessen.
Ich weiß, Ali hat seine erste Freundin durch einen Autounfall in Libyen verloren und seinen kleinen Bruder vor einem Jahr bei einem Bombenangriff. Er weiß, wovon er spricht.

 

Und ich weiß nicht was richtig und falsch ist, wie keiner. Und wünsche den Jungs so sehr, das sie einen Weg finden. 

Das hatte ich Ali Abends noch geschrieben, als ich schon wieder zuhause war.

Sie bleiben in Osnabrück, sie haben kein Geld und kein Essen, doch Freunde helfen ihnen. Und sie danken Gott.

Nur eins wüsste er:  I just want to be always with me

Und dafür nimmt er die Verantwortung und die Konsequenzen. 

 

 


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